Wie wahrscheinlich ist es, dass die EU die Energiekrise im kommenden Winter überstehen wird? Was sollten Regierungen und die EU tun, um sicherzustellen, dass die Region diese Krise übersteht?

Die EU steht durch die Energiekrise vor einer großen Herausforderung und muss dieses Problem gemeinsam angehen. Bisher wurde die Energiekrise eher fragmentiert von einzelnen Ländern angegangen. Allerdings zeichnet sich nun ab, dass die EU das Problem länderübergreifend angehen wird, was sich unter anderem in den laufenden Diskussionen über Preisobergrenzen zeigt. Die EU wird sich wahrscheinlich auf folgende Themen konzentrieren: Energiepreise (Reform des Energiemarktes) und Energiepreisobergrenzen; eventuelle koordinierte steuerliche Maßnahmen zur Finanzierung von Preisobergrenzen; und Energiewendepläne für Energieunabhängigkeit.

Wenn die EU in eine Rezession gerät, wird dies weitere politische Turbulenzen auslösen?

Wir könnten eine Parallele zur Covid-Krise ziehen. Während viele befürchteten, dass die europäischen Länder um Impfstofflieferungen konkurrieren würden, überwog am Ende des Tages das gemeinsame Interesse. Darüber hinaus sahen alle Länder die Wirksamkeit einer koordinierten Reaktion.

Die Energiekrise ist freilich nicht dieselbe, aber es wird immer deutlicher, dass die Europäer gemeinsam handeln wollen, um diese Energiekrise einzudämmen – die EU macht in Krisen immer Fortschritte. Beispielsweise wäre der Next Generation EU (NGEU)-Plan ohne die Covid-Krise nie vereinbart worden. Ein solcher Plan galt nur zwei bis drei Monate vor seiner Verabschiedung als höchst unwahrscheinlich.

Wenn sich darüber hinaus ein koordinierter Ansatz durchsetzt, und wir glauben, dass dies der Fall sein sollte, könnte das Anti-Fragmentierungs-Tool der EZB zur Vergemeinschaftung europäischer Staatsschulden leicht aktiviert werden, um die finanzielle Fragmentierung einzudämmen. Selbst in unserem Worst-Case-Szenario, wenn eine schwere Rezession nicht vermieden wird, ist das Ende der EU nicht auf dem Radar.

Ist eine Stagflation (hohe Inflation ohne Wirtschaftswachstum) ein wahrscheinliches Szenario oder gerät die europäische Wirtschaft dieses Jahr sogar in eine Rezession? Wie werden Regierungen reagieren?

Unser Hauptszenario ist eine Rezession diesen Winter mit hoher Inflation, gefolgt von einem Stagflationsschock durch eine deutliche Verschlechterung der Exportquote und eine hohe importierte Inflation. Bisher hat sich das stagflationäre Umfeld bestätigt, da wir die Inflation nach oben korrigiert und das Wirtschaftswachstum herabgestuft haben. Auch die künftige Richtung ist stagflationär, da die Inflation voraussichtlich steigen wird, während sich das Wachstum vermutlich verlangsamen und sogar schrumpfen wird.

In unserem zentralen Szenario (keine strenge Gasrationierung, reduzierte Energienachfrage durch steigende Preise) würde der Wirtschaft in der Eurozone ein harter Winter bevorstehen, da Konsumenten ihre Ausgaben einschränken (Lebenshaltungskostenkrise) und Unternehmen mit Gewinnrückgängen konfrontiert sind. Eine Reduktion der Inlandsnachfrage führt zu einem Rückgang des BIP für zwei oder drei Quartale und dann zu einer allmählichen und flachen Erholung.

In diesem Szenario können Regierungen die Fiskalpolitik ausweiten, um die am stärksten gefährdeten Teile der Wirtschaft (gefährdete Haushalte und Unternehmen) gezielt zu schützen (d.h. nur ein Teil des Energiezuwachses wird an die Verbraucher weitergegeben) und eine gewisse Reduzierung des Energieverbrauchs zu erwirken. Sie können auch eine leichte Rationierung der Energie für Dienstleistungen, Haushalte und Industrie in Betracht ziehen, jedoch ohne größere Abschaltungen.

Wie würde die Haltung der EZB in einem solchen Umfeld aussehen? Würde sie die Leitzinsen aggressiv anheben, selbst wenn eine Stagflation oder ein Rezessionsszenario eintritt?

Angesichts des sehr hohen Inflationsniveaus erwarten wir, dass die EZB in den kommenden Monaten eine restriktive Haltung beibehält und die Zinsen weiter anhebt, um ein Entgleiten der Inflationserwartungen zu vermeiden und um den Euro zu unterstützen – insbesondere nach den jüngsten Zinserhöhungen in den USA. Während die EZB ihre Wachstumsprognosen für dieses und nächstes Jahr herabgestuft hat, hat sie ihre Inflationsprognosen für 2024 angesichts steigender Energie- und Lebensmittelpreise, einer starken Nachfrage im Dienstleistungssektor nach dem Ende der Lockdowns und anhaltender Lieferengpässe angehoben. Darüber hinaus könnte die Inflation kurzfristig weiter steigen, da sich der Preisdruck in der gesamten Wirtschaft weiter verstärkt und ausgeweitet hat. Infolgedessen ist die EZB eher besorgt über das Risiko, dass die Inflationserwartungen entgleiten, als über Abwärtsrisiken für das Wirtschaftswachstum. Wir glauben auch, dass die EZB entschlossen ist, Zinserhöhungen „vorzuziehen“ und die Leitzinsen schnell zu „normalisieren“. Die jüngste Entscheidung, die Zinsen um beispiellose 0,75 Prozent anzuheben, war ein Schritt in diese Richtung. Die EZB hat klargestellt, dass sie Entscheidungen über weitere Zinsanhebungen datengetrieben trifft.

Inwiefern sind die vorgeschlagenen Energiestützungsmaßnahmen inflationär? (G7-Preisobergrenze für russisches Öl, Rettungspakete für Versorgungsunternehmen und vorgeschlagene Konjunkturpakete zum Schutz der allgemeinen Bevölkerung vor Energiepreiserhöhungen)

Die Einführung von Preisobergrenzen und Beschränkungen für die Weitergabe höherer Energiepreise sollte dazu führen, dass die Inflation sinkt. Solche Maßnahmen sind jedoch kostspielig (je nach Differenz zwischen dem gedeckelten Preis und dem Gasgroßhandelspreis) und müssen entweder durch Umverteilung (z.B. eine Steuer auf Übergewinne von Energieunternehmen, wodurch die am stärksten gefährdeten Wirtschaftsakteure subventioniert werden) oder durch den Staat finanziert werden (höhere Staatsschulden). Während diese Maßnahmen das Wachstum erhalten würden, indem sie den Inflationsschub begrenzen, könnten sie mittelfristig inflationär wirken (die Nachfrage bleibt stärker).

Wie schlimm wäre eine Rezession in der Eurozone und welche Auswirkungen hätte sie auf die Aktienmärkte und Devisen?

Wir gehen davon aus, dass die Rezession, die wir für die Eurozone erwarten, spürbar sein wird – mit einem Rückgang der Binnennachfrage und möglicherweise einem gewissen Anstieg der Arbeitslosenquote. Eine leichte Rezession und der Einsatz von Kurzarbeitsprogrammen, wie sie während der Covid-19-Krise eingeführt wurden, könnten jedoch dazu führen, dass das Gebiet einen erheblichen Anstieg der Arbeitslosenquote vermeidet.

  • Aktien – Das sind definitiv keine guten Nachrichten für europäische Aktien. Allerdings sollte man berücksichtigen, dass europäische Unternehmen sehr international aufgestellt sind. Etwa 70 % des Umsatzes sind Auslandsumsätze, und daher ist globales Wachstum der Schlüssel für die europäischen Gewinne, noch mehr als das europäische BIP-Wachstum. Wir gehen davon aus, dass die Gewinne in Europa nach unten revidiert werden. Dies führt in der Regel zu einer höheren Volatilität. Auch wenn europäische Aktien im internationalen Vergleich niedriger bewertete sind, ist diese Rezessionsphase kein gutes Omen, insbesondere für Aktien in der Eurozone.
  • Tendenz zu Value und Quality – Wir glauben, dass die Outperformance der Faktoren Value und Quality noch weiter andauern kann. Der Value-Faktor steht für Unternehmen, die am Kapitalmarkt besonders niedrig bewertet sind. Der Quality-Faktor steht für besonders solide Unternehmen mit geringer Verschuldung und einem stabilen Geschäftsmodell. Bei der Analyse mit beispielsweise MSCI-Indizes ergänzen sich Value und Quality ziemlich gut: Value-Aktien sind günstig, aber nicht immun gegen Gewinnherabstufungen in einer Abschwungphase; Quality zeigt Vorteile bei einer Verlangsamung des Wirtschaftswachstums (oder sogar in einer Rezession).
  • Devisen – Die strukturellen Schocks, mit denen die Wirtschaft der Eurozone heute konfrontiert ist, sind beispiellos. Unter Berücksichtigung des Produktivitätsrückgangs registrieren wir eine deutliche Verschlechterung der fairen Bewertung von EUR/USD. Im Falle einer vollständigen Schließung der russischen Gasversorgung und einer weiteren Rationierung würden sich die negativen Auswirkungen auf die Fundamentaldaten weiter ausdehnen, was dazu führen würde, dass der EUR/USD-Wechselkurs unter unser kurzfristiges Ziel von 0,94 fällt und sich sogar den Niveaus von Anfang der 2000er Jahre annähert.
Die Markteinschätzung in diesem Blogbeitrag basiert auf der Amundi-Publikation „Investment Talks: Reassessing the view on Europe: hot questions for investors“ von Vincent Mortier (Group Chief Investment Officer, Amundi) und Monica Defend (Head of Amundi Institute). Die vollständige Publikation in der englischen Originalfassung finden Sie im Amundi Research Center.* Bitte beachten Sie die Hinweise am Ende des Beitrags.


Wie passen wir die Savity-Portfolios in diesem Umfeld an?

Risikogemanagte Strategien (Savity Classic, Green und Legends): Wir bleiben bei unserem Engagement im Aktienbereich weiterhin defensiv positioniert und beobachten die Entwicklung des wirtschaftlichen Umfelds sehr genau. Da speziell in der Eurozone die Risiken vor dem Hintergrund einer sich eintrübenden Wirtschaftslage mit Blick Richtung Herbst zunehmen, behalten wir auch hier eine vorsichtige Veranlagungsquote bei. Auch bei der Fondsauswahl spiegelt sich diese Sicht der Finanzmärkte wider, wobei wir bei der Portfoliogestaltung auf eine breit aufgestellte, global diversifizierte Veranlagung im Aktiensegment achten. Zusätzlich werden – je nach Portfoliovariante – Akzente durch Investments in dividendenstarke Unternehmen, Qualitätswerte bzw. kapitalstarke Unternehmen, die über dauerhafte Geschäftsmodelle und nachhaltige Wettbewerbsvorteile verfügen, und Value-Strategien, also solche die in unterbewertete Qualitätstitel investieren, gesetzt.

Savity Grow verfolgt eine global gestreute Anlagestrategie mit Fokus auf Zukunftsthemen. Der Anteil europäischer Aktien liegt dabei tendenziell unter 20%. Darüber hinaus haben wir bereits Anfang des Jahres im Zuge des Rebalancings Anpassungen vorgenommen, die uns im gegenwärtigen Marktumfeld helfen: Bei den Aktien wurde ein stärkerer Fokus auf unterbewertete Qualitätstitel gesetzt (Value-Faktor) und es wurde der Anteil der nicht-währungsgesicherter Positionen in den Portfolios erhöht, um von der Dollar-Stärke zu profitieren.