Wahlergebnis

Auch Tage nach der Wahl sind die endgültigen Ergebnisse für das Repräsentantenhaus und den Senat noch ungewiss. Dabei wurde vor den Zwischenwahlen erwartet, dass die Republikanische Partei die Kontrolle über den Kongress deutlich erobern würde. Die Markterwartungen – laut Predictit – zeigten eine Wahrscheinlichkeit von 91 Prozent, dass die Republikaner die Kontrolle über das Repräsentantenhaus übernehmen, und eine Wahrscheinlichkeit von 75 Prozent, dass die Republikaner den Senat übernehmen werden. Es wird immer noch erwartet, dass die Republikaner letztendlich eine knappe Mehrheit im Repräsentantenhaus haben werden, aber eine demokratische Mehrheit ist immer noch eine Möglichkeit. Allerdings müsste alles perfekt zusammenkommen, damit die Demokraten die Kontrolle behalten. Das Ergebnis für den Senat ist ebenfalls noch ungewiss. Die Demokraten, denen der aktuelle Präsident Joe Biden angehört, übertrafen die Erwartungen und widersetzten sich den historischen Normen, bei den Midterms Sitze zu verlieren.

Insgesamt trotzte die Demokratische Partei dabei dem schlechten politischen und wirtschaftlichen Umfeld. Die politischen Rahmenbedingungen bleiben für Präsident Biden jedoch herausfordernd. Eine Umfrage von Amundi ergab, dass die Zustimmungsrate von Präsident Biden am 24. Oktober 2022 nur 41,7 Prozent und die Ablehnungsrate 53,3 Prozent betrug. Eine Zustimmungsrate unter 42 Prozent korreliert historisch mit einem Verlust von 35–40 Sitzen im Repräsentantenhaus, basierend auf einer Gallup-Analyse, die bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs zurückreicht.

Wesentliche Erkenntnisse:
  • Abtreibung war ein Thema für die Wähler. In Nachwahlbefragungen nannten Wähler Abtreibung als wichtigstes Thema für ihre Wahlentscheidung, und 76 Prozent dieser Wähler entschieden sich für die Demokraten, 23 Prozent für die Republikaner.
  • Die Generation Z (Wähler im Alter von 18 bis 29 Jahren) ging zur Wahl, möglicherweise motiviert durch Abtreibungsrechte, Umweltthemen und die Besorgnis über die Bedrohung der Demokratie. In dieser Gruppe, die 12 bis 13 Prozent der Wählerschaft ausmacht, hatten die Demokraten in Nachwahlbefragungen einen Vorsprung mit 63 Prozent zu 35 Prozent für Republikaner.
  • Frauen in den Vorstädten gingen zur Wahl. Frauen machten 52 Prozent der Wählerschaft aus und stimmten laut Nachwahlbefragungen zu 53 Prozent für die Demokraten gegenüber 45 Prozent für Republikaner.
  • Unabhängige Wähler waren ein guter Indikator für die siegreiche Partei in den letzten vier Wahlzyklen, und in Nachwahlbefragungen entschieden sie sich mit einem Vorsprung von zwei Prozent für die Demokraten.
  • Der ehemalige Präsident Donald Trump ist ein großer Verlierer. Wenn die Demokraten am Ende die Kontrolle über den Senat behalten, liegt das zum Teil an Trumps Wahl schwacher Kandidaten, wie der Fraktionsvorsitzender der Republikaner im Senat, Mitch McConnell, sagte. Die von Trump ausgewählten Kandidaten in Pennsylvania, Arizona und Georgia haben entweder verloren oder liegen im Rennen zurück. Der republikanische Kandidat hat nur in Ohio gewonnen.
  • Der Gouverneur von Florida, Ron DeSantis, ist jetzt wohl der Spitzenkandidat bei den Vorwahlen der Republikaner. Er hat den Bundesstaat mit fast 20 Prozentpunkten Vorsprung gewonnen. Damit könnte es zu einem umstrittenen Nominierungskampf zwischen dem ehemaligen Präsidenten Trump und Gouverneur DeSantis kommen.

Marktreaktion und Auswirkungen auf Investitionen

Der Markt rechnete mit einem eindeutigen Sieg der Republikaner, bei der sie die Kontrolle über das Repräsentantenhaus und den Senat übernehmen würden, sodass die anfängliche Reaktion auf die Wahlergebnisse ein gewisser Ausverkauf an den Aktienmärkten war, neben einer gedämpften Reaktion am Markt für Staatsanleihen und den US-Dollar. Wir sind der Meinung, dass die eher verhaltene Reaktion der Märkte zum Teil auf die Erwartung zurückzuführen ist, dass eine republikanische Machtübernahme im Repräsentantenhaus zu einer geteilten Regierung führen würde. Unsere Analyse hat gezeigt, dass der US-Aktienindex S&P 500 bei diesem Szenario auf Jahresbasis um etwa 13,5 Prozent gestiegen ist, während er bei einer rein demokratischen Regierung um etwa zehn Prozent gestiegen ist. Wir haben auch eine Outperformance bei den zehnjährigen Renditen von Staatsanleihen festgestellt, die bei einer geteilten Regierung um etwa acht Prozent gestiegen sind, während bei einer demokratischen Einparteienregierung die zehnjährigen Renditen von Staatsanleihen nur um etwa ein Prozent gestiegen sind.

Normalerweise entwickeln sich Aktien nach den Zwischenwahlen gut, da das mit der politischen Unsicherheit verbundene Risiko schwindet. Allerdings war dies in diesem Jahr ein untergeordneter Faktor, da der Schwerpunkt auf der Inflation, den Zinsanhebungen der US-Zentralbank, dem Rezessionsrisiko und der Geopolitik lag. Sollte es zu einer gespaltenen Regierung – zwischen dem Weißen Haus und dem Kongress – kommen, dürfte dies zudem nicht zu größeren politischen Veränderungen führen. In diesem Fall könnten die positiven Auswirkungen dieses Mal gedämpfter ausfallen. Wir erwarten daher eine positive bis neutrale Auswirkung auf die Aktienmärkte. Was die Sektoren betrifft, so schneidet das Gesundheitswesen nach den Zwischenwahlen in der Regel besser ab.

Durchschnittliche Entwicklung des US-Aktienindex S&P 500 rund um die Midterms
Quelle: Amundi Institute, Bloomberg. Stand der Daten: 8. November 2022

Politische Agenda

Es ist unwahrscheinlich, dass wir in den nächsten zwei Jahren eine bedeutende Gesetzgebung erleben werden. Die wahrscheinlich knappe republikanische Mehrheit ist kein Signal für ein gesetzgeberisches Mandat. Dennoch würden wir erwarten, dass eine republikanische Mehrheit im Repräsentantenhaus höhere Ausgaben für Verteidigung und Grenzsicherung, ein Energieinfrastrukturgesetz und eine Verlängerung bestimmter Steuererleichterungen für Unternehmen anstreben wird. Wahrscheinlich wird es auch zu einer Sparpolitik kommen, ähnlich wie in den Jahren unter Obama, als die Republikaner für jede Erhöhung der Ausgaben im Gegenzug eine Kürzung der Ausgaben an anderer Stelle verlangten. Insgesamt würde eine straffe Finanzpolitik die Inflationslage in den Vereinigten Staaten nicht verschärfen. Am Ende könnte dies bedeuten, dass sich die US-Zentralbank einem Höchststand der Zinssätze nähern könnte, und es würde sicherlich keinen Druck ausüben, das Tempo der Zinserhöhungen zu beschleunigen.

Im Allgemeinen schätzen die Finanzmärkte eine geteilte Regierung, da dies bedeutet, dass populistische Maßnahmen wie höhere Steuern und mehr Regulierung, die als marktfeindlich empfunden werden könnten, unwahrscheinlich sind. Für den unwahrscheinlichen Fall, dass das Repräsentantenhaus in der Hand der Demokraten bleibt, könnten Teile von Bidens „Build Back Better“-Plan in Kraft treten, z.B. eine Steuergutschrift für Kinder und mehr Ausgaben für das Gesundheitswesen, die Infrastruktur und grüne Energie. Die Demokraten werden versuchen, die Steuern für Unternehmen und höhere Einkommen zu erhöhen. Wir halten es für unwahrscheinlich, dass die Fiskalklippe oder ein anderes bedeutendes Gesetz während der „lame-duck session“ des Kongresses verabschiedet wird. Es ist unwahrscheinlich, dass die Bestimmungen zur Unternehmensbesteuerung und die Kindersteuergutschrift Unterstützung finden werden.

Auswirkungen auf die US-Außenpolitik

Wir erwarten eine harte Haltung gegenüber China in den Bereichen Technologie, nationale Sicherheit und Taiwan. Ein größerer Einfluss der Republikaner auf die Politikgestaltung wird dazu führen, dass sich Demokraten und Republikaner in sehr wenigen innenpolitischen Fragen einig sind. Die gefühlte Bedrohung der US-Wirtschaft und der sicherheitspolitischen Ambitionen durch China ist eines der wenigen Themen, bei denen sich beide Seiten einig sind. Republikaner und Demokraten werden wahrscheinlich darum wetteifern, wer gegenüber China „härter“ ist. Daher erwarten wir für das kommende Jahr weitere kontroverse Maßnahmen, wie etwa den jüngsten Besuch der Sprecherin des Repräsentantenhauses Nancy Pelosi in Taiwan.

Wir erwarten auch mehr Exportkontrollen, die sich gegen China richten, insbesondere im Technologiesektor (z.B. künstliche Intelligenz, Quantencomputer, Biotechnologie und alle mit diesen Sektoren verbundenen Hightech-Instrumente). Auch die Zusammenarbeit in der Forschung und mit Universitäten wird unter die Lupe genommen werden, während Inhaber von US-Pässen und Green Cards, die in China in sensiblen Sektoren tätig sind, mit mehr Einschränkungen rechnen müssen. Die Regierung von US-Präsident Biden verbindet Sicherheitsbedenken mit einer protektionistischen Agenda. Ziel ist es, die aufstrebende heimische Industrie in Bereichen wie Klimawandel und Technologie zu unterstützen, während gleichzeitig versucht wird, ausländische Wettbewerber zu benachteiligen.



Aussichten für die Beziehungen USA-Europa und den Krieg in der Ukraine

Auch die Beziehungen zwischen den Vereinigten Staaten und der EU werden im nächsten Jahr auf Hürden stoßen.

Zum einen werden die Beziehungen der EU zu China zunehmend von US-Entscheidungen beeinflusst werden, was die Aufrechterhaltung des Status quo in den Geschäftsbeziehungen mit China erschwert. Während die EU – und insbesondere Deutschland – ihre Beziehungen zu China „entschärfen“ möchte, besteht kein Interesse an einer „Abkopplung“ von China, wie es von Seiten der USA besteht. Die EU wird sich auch bewusst sein, dass bis 2024 entweder der ehemalige Präsident Donald Trump oder ein anderer „Trump-ähnlicher“ Republikaner das Weiße Haus übernehmen könnte, was bedeutet, dass sich Europa nicht vollständig auf die Vereinigten Staaten verlassen kann und daher versuchen wird, jene strategischen Interessen zu stärken, die sich von denen der Vereinigten Staaten unterscheiden.

Zum anderen werden die Beziehungen USA-Europa durch die jüngsten protektionistischen Maßnahmen der USA im Zuge des „Inflation Reduction Act“ (IRA) von Präsident Biden belastet. Diese Verordnung sieht u.a. eine Subventionierung der heimischen Industrie (u.a. der amerikanischen Hersteller von Elektrofahrzeugen) vor, was die europäischen Geschäftsinteressen untergräbt und zu einer Abwanderung europäischer Investitionen und Arbeitsplätze in die USA führen könnte. Die EU ist bestrebt, ihre Bedenken diesbezüglich auf dem bevorstehenden Treffen des EU-US-Handels- und Technologierates im Dezember zu klären. Eine grundlegende Neuformulierung dieser Verordnung würde jedoch rechtliche Änderungen erfordern, die unwahrscheinlich sind. Um die Bedenken der Europäer zu besänftigen, könnten zwar Zugeständnisse in Bezug auf einzelne Unternehmen gemacht werden, doch werden Bidens Möglichkeiten, Vereinbarungen zu treffen, in einem zunehmend polarisierten innenpolitischen Umfeld begrenzt sein. Daher sind Handelsspannungen zwischen der EU und den Vereinigten Staaten im nächsten Jahr wahrscheinlich.

Auch wenn es um die Unterstützung der USA für die Ukraine geht, steht für Europa viel auf dem Spiel. Wenn die Vereinigten Staaten die Militärhilfe für die Ukraine trotz der gespaltenen Regierung auf dem derzeitigen Niveau aufrechterhalten, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass der Krieg länger andauert und eskaliert, da die Ukraine wenig Anreiz hätte, sich zu Gesprächen mit Russland zusammenzusetzen, um den Konflikt zu beenden. Wenn jedoch die militärische Unterstützung – wie von uns erwartet – zurückgeht, weil die Republikaner zunehmend ihre Missbilligung über die zur Unterstützung des Krieges aufgewendeten Summen zum Ausdruck bringen, wird ein Waffenstillstand zwischen Russland und der Ukraine wahrscheinlicher, höchstwahrscheinlich im zweiten Halbjahr 2023.